Oft ist Fixierung überflüssig - mehr Demenzpatienten in Pflegeheimen sollen sich frei bewegen können

Frankfurt am Main, 27.07.2006

"Bewegungseinschränkende Maßnahmen": Der Begriff klingt wenig spektakulär, aber für alte Menschen in Pflegeheimen kann er fatale Konsequenzen haben: Allzu oft werden sie mit Gurten fixiert - also im Bett oder am Rollstuhl festgebunden. Zuweilen wird auch mit Hilfe von Gittern ein Verlassen ihrer Betten unmöglich gemacht. Stühle werden so nahe an schwere Tische gerückt, daß Bewegung unmöglich oder extrem eingeschränkt ist.

Fünf bis zehn Prozent aller Heimbewohner in Deutschland werden mit Gurten in ihrer Bewegung drastisch eingeschränkt. 20 bis 30 Prozent werden mit anderen Mitteln - etwa mit Gittern - am Aufstehen gehindert. Dr. Thomas Klie, Jurist an der Evangelischen Fachhochschule Freiburg und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie, hat diese Zahlen jetzt in Stuttgart genannt.

Quetschungen und Todesfälle nach Herzversagen

Die Liste möglicher Folgen von Fixierung ist lang. Es kann zu Strangulationen und Quetschungen kommen, zu Nervenverletzungen und Ischämien. Beschrieben wurden auch Todesfälle nach Herzversagen oder durch Ersticken. "Weltweit gibt es bisher keine Studie, in der positive Effekte von Fixierungen nachgewiesen worden sind", sagt Professor Doris Bredthauer von der Fachhochschule Frankfurt am Main.

Klie ist zusammen mit dem Geriater Dr. Clemens Becker vom Robert Bosch Krankenhaus in Stuttgart Initiator eines groß angelegten Projekts in Baden-Württemberg, Bayern und Sachsen gewesen, bei dem auch die Psychiaterin und Psychotherapeutin Bredthauer mitgemacht hat. Das Modellprojekt heißt Redufix: Die Robert-Bosch-Gesellschaft in Stuttgart und die Evangelische Fachhochschule Freiburg haben die Untersuchungen gemacht, alle Einrichtungen haben freiwillig teilgenommen.

Die Kernfrage beim Start: Ist es möglich, durch den Einsatz von technischen Hilfsmitteln in Pflegeheimen körpernahe Fixierung speziell bei Demenzkranken zu reduzieren, ohne daß sich dadurch negative Konsequenzen für die Bewohner ergeben? Die Ergebnisse sind jetzt in Stuttgart vorgestellt worden (wir berichteten). In den 46 beteiligten Heimen gelang es innerhalb von drei Monaten, von 231 alten Menschen 48 zu entfesseln, bei weiteren 55 Patienten konnte die Zeit, in der fixiert wurde, deutlich reduziert werden.

Welche Patienten sind besonders von Fixierung betroffen? Zum einen sind das Menschen, die vor Stürzen geschützt werden sollen. Sie werden - und das ist paradox - fixiert, also in ihrer Mobilität eingeschränkt mit dem Ziel, mobil zu bleiben.

Betroffen von Fixierung sind häufig auch Patienten mit "forderndem Verhalten". Menschen also, die zum Beispiel verbal oder körperlich aggressiv sind, die greifen, grapschen, schimpfen, schlagen, mit Gegenständen werfen oder rastlos umherwandern.

"Hochrisikofaktoren für eine Fixierung sind Sturzgefährdung und fordernde Verhaltensweisen. Vier von fünf Demenzkranken sind davon betroffen", erläutert Doris Bredthauer. Potentielle medizinische und psychosoziale Ursachen für diese Risikofaktoren müssen abgeklärt und Betroffene fachspezifisch behandelt werden. Gründe für eine Fixierung würden dann im Idealfall entfallen.

Bei jedem fixierten Patienten ist zunächst die Pflegesituation analysiert worden. Welches Problem lag vor? Was störte welche beteiligte Person? Wie groß wäre die Schadensgefahr gewesen, wenn nicht fixiert worden wäre? Überwog der Wunsch nach dem Schutz des Bewohners vor einem Sturzrisiko? War die Arbeitsbelastung hoch? Hausärzte wurden mit einbezogen.

Auch Hausärzte wurden in die Analyse mit einbezogen: War die Medikation abgeklärt? Konnte es unerwünschte Neben- oder Wechselwirkungen geben? Gab es Gründe für die Unruhe des Bewohners: eine nicht erfaßte Diagnose etwa, Schmerzen, eine Wunde, akute Entzündungen? Verhaltensauffälligkeiten der Patienten wurden analysiert, Mitarbeiter umfassend - auch rechtlich geschult.

Viele individuelle Maßnahmen wurden in einem zweiten Schritt realisiert: Pflegekräfte mußten Gründe für eine Fixierung akribisch genau dokumentieren, Hüftschutzhosen wurden eingesetzt, um Oberschenkelhalsbrüche zu verhindern, sogenannte Pflegenester am Boden als Ersatz für Betten aufgebaut, damit Sturzgefahren vermindert werden. Sensormatten wurden ausgelegt, die signalisieren, wenn Patienten aufstehen möchten. Tagesabläufe wurden neu strukturiert - etwa um Patienten die Chance zu ermöglichen, ihrem immensen Bewegungsdrang nachzugeben.

"Bewegungseinschränkende Maßnahmen gehören zu den schwersten Eingriffen in die Menschenrechte", sagt Geriater Becker, der eine positive Bilanz des Projekts zieht: "Wir machen weiter", sagt er, "wir sind mit unserem Konzept auf dem richtigen Weg."

Fixierung im Pflegeheim

Der Bundesgerichtshof (BGH) hat im vergangenen Jahr entschieden, daß Fixierung, Ruhigstellung und andere freiheitsentziehende Maßnahmen die Würde von Heimbewohnern verletzen. Der BGH lehnte es in einem Grundsatzurteil ab, Pflegeheimen allzu strenge Auflagen für die Sicherheit ihrer Bewohner zu machen. (Az: III ZR 399/04).

Ein unter Betreuung stehender Heimbewohner darf von den Pflegern nicht gegen den Willen seines Betreuers ans Bett gefesselt werden. Das geht aus einem Beschluß des Landgerichts Zweibrücken hervor. Der gerichtlich bestellte Betreuer sei für die Wahrung der Menschenwürde und des Freiheitsrechts des Patienten verantwortlich, sagten die Richter. Sie gaben einer demenzkranken Heimbewohnerin recht, die durch ihre Betreuerin vertreten wurde. (Az.: 3 S 43/06)

Quelle: Ärzte Zeitung, Christoph Fuhr, 27.07.2006

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