Gefesselt und ruhig gestellt

Frankfurt am Main, 12.07.2006

In vielen Pflegeheimen werden Menschen überflüssigerweise in ihren Betten festgebunden - eine Verletzung der Menschenwürde

Wir wollen die Menschen entfesseln", sagt Clemens Becker. Der Stuttgarter Geriater hat diesen Satz oft gesagt in den vergangenen zwei Jahren. Und von diesem Dienstag an wird Becker seinen Satz in die Tat umsetzen: Zusammen mit dem Freiburger Juristen und Soziologen Thomas Klie legt er mit einer Studie den Beweis vor, dass es in sehr vielen Fällen völlig überflüssig ist, alte Menschen in Pflegeheimen zu "fixieren", sie mit Gurten im Bett festzubinden oder schwere Tische vor ihre Stühle zu stellen.

So genannte Fixierungen gehören in den meisten Pflegeheimen zum Alltag, sie gelten als bewährte Methode, wenn Demenzkranke verhaltensgestört sind oder wenn sie häufig stürzen. Fünf bis zehn Prozent aller Heimbewohner werden mit Gurten festgebunden, 20 bis 30 Prozent mit anderen Mitteln am Aufstehen gehindert. 40 bis 50 Prozent erhalten Psychopharmaka, die sie ruhig stellen. "Diese bewegungseinschränkenden Maßnahmen gehören aber zu den schwersten Eingriffen in die Menschenrechte", klagt Becker.

Jahrelang wurde über das Thema geschwiegen. Erst seit zwei wegweisenden Urteilen des Bundesgerichtshofs im April und Juni 2005 und seit in südbayerischen Heimen sechs Todesfälle binnen eines Jahres bekannt wurden, hat eine öffentliche Diskussion begonnen. Fixierungen verletzen nicht nur die Menschenwürde und die Freiheitsrechte, sie bedrohen auch die Gesundheit. Die Nebenwirkungen sind bekannt: Strangulationen, Herztod, Quetschungen, Nervenverletzungen. Manche alte Menschen versuchen verzweifelt, sich von den Fesseln zu befreien, andere werden aggressiv. Und wer sich nicht bewegen darf, der stürzt auch häufiger. 90 Prozent der Fixierungen aber werden als Sturzprävention verordnet - zum Beispiel, weil man Haftungsfragen fürchtet - und auch von den Vormundschaftsgerichten genehmigt.

"In 99 Prozent der Fälle ist eine Fixierung als Sturzprävention nicht zu rechtfertigen", kritisiert Becker. Was stattdessen zu geschehen hat, zeigt das zweijährige Modellprojekt der Stuttgarter Robert Bosch Gesellschaft und der Evangelischen Fachhochschule Freiburg, das Becker und Klie geleitet haben: In 46 Heimen in Baden-Württemberg, Bayern und Sachsen gelang es innerhalb von nur drei Monaten, von 364 alten Menschen 20,8 Prozent zu entfesseln. Bei weiteren 23,8 Prozent wurde die Zeit der Fixierungen immerhin um 20 Prozent reduziert.

Die 46 Heime nahmen freiwillig an dem Projekt teil, in allen hatte man Probleme mit den Fixierungen. Daher sei die freiwillige Teilnahme positiv zu werten, meinte Becker, "auch wenn wir die faulen Äpfel nicht gekriegt haben", jene Heime, in denen Bettgitter hochgeklappt oder Gurte angelegt werden, um Personal zu sparen, manchmal auch ohne die notwendige richterliche Genehmigung.

Mit dem Modellprojekt wurde den Heimen eine "multifaktorielle Intervention" beigebracht, ein Bündel von Maßnahmen und Leitlinien, das Fixierungen weit gehend überflüssig macht: Die Heimmitarbeiter werden beraten, sie müssen die Gründe für die Fixierung so genau dokumentieren, als würden sie Morphium verschreiben. Hüftschutzhosen, die Oberschenkelhalsbrüche verhindern, gehören zu dem Maßnahmenbündel wie Pflegenester am Boden, veränderte Betten oder Sensormatten, die dem Personal im Stationszimmer signalisieren, wenn der Demenzkranke aufsteht oder die Gefahr besteht, dass er sich in den Gurten stranguliert. "Es gibt Todesfälle trotz der Techniken, die sie verhindern könnten. Es ist makaber", sagt Becker.

Entscheidend ist eine genaue Diagnose der Verhaltensauffälligkeiten, unter denen 80 Prozent der Demenzkranken leiden. Wichtig ist es auch, den Tag der Kranken zu strukturieren, sie in Kleingruppen zu betreuen, ihrem Bewegungsdrang nachzugeben. Einen Demenzkranken zu fixieren, der sonst im fortgeschrittenen Stadium bis zu acht Kilometer am Tag laufen würde, bezeichnen Becker und Klie schlicht als "inadäquat". Es gebe auch schlimme Situationen, sagt Becker, doch mit genügend Personal könnten sie weit gehend verhindert werden - ohne Fixierungen. "So etwas muss finanziert werden", fordert Becker.

Ein großes Problem ist der Einsatz von Psychopharmaka. 77 Prozent der Heimbewohner erhielten diese Medikamente, 10 bis 26 Prozent einen Wirkstoff, der für sie nicht geeignet war. Dass sich die Gabe von falschen Medikamenten während des Modellprojekts wenig veränderte, liegt nach Ansicht von Becker an der ungenügenden Ausbildung von Hausärzten, die mit den Gesundheitsproblemen alter Menschen zu wenig vertraut sind. "Wir brauchen Hausärzte mit der Zusatzausbildung Geriatrie", meint Becker.

Clemens Becker und Thomas Klie wollen ihr Modellprojekt als Qualitätsleitlinie fest in den Pflegeheimen installieren. Gedacht ist zunächst an eine freiwillige Selbstverpflichtung der Heime. Nur wenn Probleme auftreten, soll die Heimaufsicht eingeschaltet werden. "Wir können nicht in Aussicht stellen, die Zahl der Fixierungen mit diesem Programm auf Null zu bringen", betont Becker. "Aber wenn wir die Zahl der Fesselungen von fünf auf drei bis ein Prozent vermindern, dann ist schon viel erreicht."

Auf eine Reform der Pflegeversicherung, über die die Regierung bisher noch nicht geredet hat, wollte Becker mit dem Projekt nicht warten. "Wir wollten jetzt anfangen und nicht auf mehr Geld und mehr Personal in den Heimen hoffen." Und das Projekt "Entfesslung" in Pflegeheimen betrachtet Becker nur als einen Anfang. In der Alterspsychiatrie werde jeder dritte Patient fixiert, sagt er, "diese Menschen sind am schwersten betroffen". Selbst in Akutkrankenhäusern liege manches im Argen. Patienten würden nach Operationen fixiert, wenn sie vorübergehend verwirrt sind oder in einen Alkoholentzug geraten. Auch in Krankenhäusern komme es zu Todesfällen, weil im Klinikbetrieb die Zuständigkeiten immer stärker aufgesplittert seien. Becker erinnert an den körperlich und geistig behinderten Mann, der Mitte Juni in der Berliner Charité in einem Lift stecken blieb und erst nach drei Tagen entdeckt wurde. "Das passiert regelhaft, ob in Krankenhäusern oder Pflegeheimen."

Quelle: Süddeutsche Zeitung, 11.07.2006, Heidrun Graupner

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