Demenzkranke finden in der Gastfamilie neue Heimat

Frankfurt am Main, 10.03.2005

Viele gerontopsychiatrisch Erkrankte kommen in der Familie besser zurecht als im Heim, wie eine Studie ergab

Emil K. kam allein einfach nicht mehr zurecht. Nach seiner Alkoholkrankheit verwirrte mit zunehmendem Alter sein Geist. Er verwahrloste und wurde ins Pflegeheim des Ravensburger Zentrums für Psychiatrie Die Weissenau gebracht. Doch obwohl Spezialisten sich um ihn kümmerten, fühlte er sich nicht wohl. Auf der Station ging es ihm zu lebhaft zu, er fand einfach keine Ruhe.

Heute hat der 77jährige bei einem älteren Ehepaar in Markdorf (Baden-Württemberg) eine zweite Heimat gefunden. Die vier erwachsenen Kinder kommen mit den Enkeln oft zu Besuch.

"Das tut ihm gut, er profitiert vom überschaubaren kleinen Rahmen und der familiären Atmosphäre", berichtet seine externe Betreuerin Regina Trautmann. Die Krankenschwester schaut als Mitarbeiterin des begleitenden Fachdienstes regelmäßig nach ihrem Schützling und berät die Gastgeber in medizinischen und psychiatrischen Fragen.

Im Heim stören sich Verwirrte und Nicht-Verwirrte gegenseitig

Die Aufnahme eines altersverwirrten Menschen sei eine 24-Stunden-Aufgabe, sagt Michael Konrad, Leiter des Wohn- und Pflegeheims der Weissenau. Im Rahmen eines dreijährigen Modellprojekts hat er untersucht, ob gerontopsychiatrisch Erkrankte, etwa Alzheimer-Patienten, in Gastfamilien besser als in der Anstalt aufgehoben sind.

"Ich bin von dem Modell überzeugt", lautet sein Fazit. "Diese Kranken werden im Heim oft sehr unglücklich, weil die Heime nicht darauf eingestellt sind, jemanden pflegen zu müssen, der es gar nicht will", sagt Konrad. Ein Alzheimer-Patient habe auf Grund seiner Krankheit nicht mehr die Einsicht, daß er pflegebedürftig ist. Die Erfahrung habe zudem gezeigt, daß sich im Heim Verwirrte und Nicht-Verwirrte gegenseitig störten.

In der Familie dagegen "läuft alles natürlich ab, was im Heim künstlich gemacht wird: gemeinsam Essen vorbereiten, gemeinsam Einkaufen gehen, beispielsweise", sagt der Diplom-Psychologe. Die Patienten werden mit kleinen Aufgaben betraut oder laufen einfach mit. "Hier im Heim mühen wir uns ab, besonders Langzeitpatienten dazu zu motivieren", betont er.

Gastfamilien zu finden, die über Zeitungsannoncen angesprochen wurden, beschreibt Konrad als wenig problematisch. Und das, obwohl einige Fachleute skeptisch waren, weil sie die Familie als gesellschaftliches Auslaufmodell betrachten. "Wir haben überraschend viele gute Familien gefunden", berichtet er. Es gebe "unkomplizierte Naturtalente", die einfach Zugang zu den Kranken fänden und Probleme kreativ lösten. "Die Patienten müssen akzeptiert werden, wie sie sind, man darf sie nicht ändern wollen", so der Experte.

Sozialministerium hat Projekt mit 82 000 Euro gefördert

Wenn Gastfamilien wider Erwarten nicht zurecht kommen, wird das Pflegeverhältnis beendet. Das kann passieren, wenn sie es nur auf die finanziellen Beihilfen abgesehen haben, die der Familie für den zusätzlichen Aufwand gezahlt werden. Auch Mißbrauch oder Gewalt wird vorgebeugt. Daß die verhaltensgestörten Patienten gut behandelt werden, darauf hat der begleitende Fachdienst ein scharfes Auge.

Das baden-württembergische Sozialministerium hat das Modellprojekt mit 82 000 Euro gefördert.

Quelle: Ärztezeitung 10.03.05 - Gisela Mackensen

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