Altersmediziner schlagen Alarm

Frankfurt am Main, 18.10.2004

Berlin (AP) – Hochbetagte werden in Deutschland nach Darstellung von Altersmedizinern aus Kostengründen oder Unwissen nicht ausreichend behandelt. So erhielten alte Patienten mit den typischen Leiden zum Lebensende wie Krebs, Gedächtnisverlust oder Inkontinenz zu selten die bestmöglichen Medikamente, beklagten die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie und die Deutsche Seniorenliga am Mittwoch in Berlin. Angesichts der zunehmenden Lebenserwartung werde sich das Problem in den nächsten Jahren dramatisch verschärfen.

"Bereits heute werden älteren Patienten - entgegen politischer Behauptungen - auf Grund des Budgetdrucks Gesundheitsleistungen vorenthalten", erklärte Erhard Hackler, Geschäftsführer der Seniorenliga. "Eine solche altersbezogene Rationierung führt zu einer Diskriminierung älterer Menschen."

Ingo Füsgen, Ärztlicher Direktor der geriatrischen Kliniken Wuppertal, sagte, wegen der zunehmenden Bedeutung von Kosten-Nutzen-Analysen seien bei der medizinischen Versorgung alter Menschen "sehr schnell inhumane Tendenzen" zu befürchten. "Hier kommen sehr schnell Fragen der Euthanasie aufs Tapet", sagte Füsgen.

So erhielten von den rund vier Millionen Menschen, die unter Inkontinenz leiden, nur zehn Prozent eine angemessene Therapie, sagte der Altersmediziner. Dies liege zum Teil daran, dass etwa jeder zweite Patient noch nicht einmal mit seinem Arzt über das Tabuthema spreche. Von den bekannten Fällen würden aber auch nur 20 Prozent behandelt, weil Ärzte nicht ausreichend ausgebildet seien und die Therapie bei der Abrechnung uninteressant sei. Dabei könnten die richtigen Arzneien nicht nur die Lebensqualität erhöhen, sondern auch teure Folgekrankheiten und Heimeinweisungen vermeiden, meinte Füsgen.

Ähnlich sehe es bei Altersverwirrten und hochbetagten Tumorpatienten aus. Auch von den etwa 900.000 mittelschwer oder schwer betroffenen Demenzpatienten erhielten nur zehn Prozent anerkannte Alzheimer-Präparate, beklagte Günther Sauerbrey von der Pharmafirma Merz, einem Hersteller von solchen Arzneien. Dabei könnten diese den Gedächtnisverlust und damit auch teure Pflege hinauszögern.

Bei Krebs - dessen Häufigkeit mit dem Alter immer stärker steigt - sei häufig auch bei sehr alten Menschen eine Heilung möglich, ergänzte Gerald Kolb, Präsident der Geriatriegesellschaft. Allerdings würden sie deutlich seltener als Jüngere mit hochwirksamen, nebenwirkungsarmen - und teuren - Arzneien versorgt. Es handele sich um eine aktive Entscheidung, wo Ressourcen im Gesundheitssystem eingesetzt würden.

Da die Zahl von Krebserkrankungen bis 2020 dramatisch ansteigen werde, werde die Frage immer drängender. "Das wird ein Kostenberg, den wir uns noch gar nicht vorstellen können", sagte Kolb. "Dagegen ist die Kostendebatte, die wir derzeit führen, nur Peanuts." Die Experten forderten einhellig eine bessere geriatrische Ausbildung für Mediziner, mehr Forschung und ein Umsteuern im Gesundheitssystem hin zu wirtschaftlichen Anreizen, um Alte besser zu versorgen.

Aus: Yahoo, Oktober 2004

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