Ich habe viel dazu gelernt, heute weiß ich dass das Verhalten meiner alzheimerkranken Mutter nicht unnormal ist. Ein beeindruckender Bericht.

Bei einem Krankenhausaufenthalt vor ca. 3 Jahren wurde bei meiner damals 81jährigen Mutter die Diagnose Alzheimer Demenz gestellt. Bis dahin lebte sie allein. Doch nach Meinung des Arztes war das nun nicht mehr möglich. Meine Mutter konnte nicht mehr alleine leben. So wurde ich vor 2 Möglichkeiten gestellt, wie es nach dem Krankenhausaufenthalt für meine Mutter weitergehen sollte: Entweder Einweisung in ein Pflegeheim oder Mitnehmen zu mir nach Hause. Ich entschied mich, ohne wirklich nachzudenken, für letzteres. Schließlich war sie ja früher auch immer für mich da, nun wollte ich ihr etwas davon zurückgeben.

Wie schwer es werden würde, war mir zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich bewusst.

Und wenn mein Mann mir nicht immer hilfreich zur Seite stehen würde, wäre das alles gar nicht möglich. Denn die Krankheit schritt mit großen Schritten voran. Es begann mit Vergesslichkeit, verbunden mit Depressionen, Ruhelosigkeit und Schlafstörungen. Dann konnte sie nicht mehr allein essen, wurde inkontinent und machte nur Blödsinn. Sie nahm z. B. ihr Gebiss heraus und versteckte es im Nähkasten. Gefunden haben wir es dann nach langem Suchen. Sie zerschnitt ihre Sachen mit der Schere und tat noch viele andere Dinge.

Diese Zeit war für mich die schwerste meines Lebens, denn ich wusste nicht wirklich, wie ich mit diesen Situationen umgehen sollte.

So begann ich an mir selbst zu zweifeln, lag manchen Abend weinend im Bett und dachte oft, es nicht zu schaffen. Hier begann mein Weg der Recherche. Ich las in Büchern, im Internet, sah mir Berichte im Fernsehen an. Doch schnell stellte ich fest, dass mein Verhalten nicht „unnormal“ war, nein, auch anderen Menschen ging es in dieser Situation ähnlich.

Ich wuchs Stück für Stück über mich hinaus.

Meine Mutter hat heute, nach 3 Jahren, ein Stadium erreicht, das mit Leben leider nichts mehr zu tun hat. Sie liegt regungslos im Bett, kann nicht mehr aufstehen. Sie hat einen Blasenkatheter und ist immer noch inkontinent. Essen geht nur noch in fast flüssiger Form und das Füttern dauert bei jeder Mahlzeit mindestens 1 Stunde. Sie versteht nicht mehr, wenn man sagt, sie soll den Mund aufmachen, das geht nur über Tricks. Zum Trinken benutze ich eine Schnabeltasse, das geht fast noch schwerer als das Essen. Aber ich bleibe geduldig und gehe immer liebevoll mit ihr um. So lange wie möglich möchte ich ihr eine Magensonde ersparen.

Ein Baby entwickelt sich vorwärts, meine Mutti rückwärts

Ich denke immer, wenn ich vor meiner Mutti stehe, ich habe ein hilfloses Baby vor mir. Hierbei ist es nur mit dem Unterschied verbunden, dass sich ein Baby vorwärts entwickelt, bei meiner Mutter ist es genau umgekehrt. Wie gesagt, ich habe viel dazu gelernt, habe für mich begriffen, dass diese hilflose, alte Frau ohne meine Hilfe nicht existieren könnte.

Kommunikation in ihrer eigenen Welt

So begebe ich mich in „ihre eigene Welt“, wenn ich mit ihr kommunizieren möchte. Von Logik kann da keine Rede mehr sein. Das ist auch völlig unwichtig. Wichtig ist nur die Zuwendung, die ich ihr immer wieder gebe. Sie erkennt mich, und nur mich an meiner Stimme. Ich bin Karin: manchmal ihre Mutter, Tante, Allerbeste u.s.w. Durch viel Zuwendung ist es mir gelungen, dass meine Mutter versucht, alte Lieder von früher mit mir zu singen. So gebe ich ihr Tag für Tag ganz viel Liebe und Zuwendung, habe meine Selbstständigkeit aufgegeben, um meine Mutter pflegen zu können.
Heute hilft mir ein Pflegedienst einmal täglich dabei, um mich ein wenig zu entlasten.

Ich liebe meine Mutter und gebe mein Bestes, und hoffe für sie und auch für mich, dass meine Kraft bis zum Ende reichen wird.

Autor: K. W.

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letzte Änderung 29. August 2016, 14:53 Uhr

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Stand: 19-Nov-2017, 11:28 AM
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