Meine Oma kannte ich immer als starke, selbstbewusste und bodenständige Frau.

Sie hat den Krieg erlebt und 10 Kinder geboren.
2003 starb mein Onkel, 2004 starb mein 2. Onkel und 2006 mein 3. Onkel! Wir alle hatten schwer mit den Schicksalschlägen zu kämpfen, doch ich denke, am meisten war es meine Oma, der das Herz zerrissen wurde. Sie fing sich und jetzt schon (was wir erst am Ende sahen) machten sich die ersten Anzeichen der Erkrankung breit...sie vergaß viel, ließ öfter mal was fallen und wenn sie etwas sagen wollte und es vergaß, machte sie einen Witz daraus. Wir nahmen es als einfache Altersvergesslichkeit.

Ende 2007 wurde mein Opa mit dem Verdacht auf Bauchspeicheldrüsenkrebs ins Krankenhaus gebracht! Nach der ersten OP besuchten meine Oma und ich ihn auf der Intensivstation. Die Ärzte versprachen Besserung, doch 3 Tage später wurde er erneut operiert und ins künstliche Koma gelegt. 1 Tag später riefen die Ärzte bei meiner Oma an und sagten: "Wenn Sie Ihren Mann noch einmal sehen wollen, kommen Sie bitte vorbei!" Mein Opa schaffte die Nacht, doch wurde 5 Tage später wieder operiert und verblieb im künstlichen Koma! Von September bis Dezember kämpften wir um sein Leben. Als er wach wurde, fütterte ich ihn; das machte meine Oma rasend.

Sie fing an, nicht mehr zu sprechen, weder mit mir, meiner Mutter noch meinem Opa. Sie wirkte stark abwesend, wie in einer anderen Welt. Wir dachten, dass es wie ein Schockzustand wäre, den sie hat. Wenn wir bei ihr zu Hause waren, wurde sie regelrecht aggressiv, besonders meiner Mutter gegenüber. Es wurde gestritten, geschrien, beschuldigt - alles mögliche. (Hätten wir da schon gewusst, dass es zur Krankheit dazu gehört, hätten wir anders reagiert!) Mein Opa zeigt Überlebenswillen und schaffte es Ende Januar aus dem Krankenhaus. Für 4 Wochen musste er noch in die Reha. In dieser Zeit war meine Oma ziemlich normal außer die Vergesslichkeit der Medikamenteneinnahme. Ende 2008 wurde Demenz bei ihr diagnostiziert...

Es war ein Schock für alle, aber wir wussten, wir würden diesen Weg mit ihr gehen soweit wie wir konnten. Von hier an konnte man fast täglich zusehen, wie alles schlimmer wurde. Im März 09 konnte man ihr die Krankheit richtig ansehen, Man konnte täglich eine Verschlechterung sehen. Sie erkannte selten irgendwelche Angehörige, wobei ich sagen muss, dass sie mich als einzige immer erkannte. Mein Opa hatte sehr schwer damit zu kämpfen, da er sich von seiner Krankheit kaum erholt hatte und sie ihm gegenüber am aggressivsten war.

Im Mai 09 war ich eine Woche im Urlaub. Als ich wieder kam, hatte sie einen Sprung gemacht. Sie saß im Rollstuhl, war inkontinent, man musste sie füttern! Nach einer Woche konnte sie auch im Rollsuhl nicht mehr sitzen und wurde bettlägerig. Im Juni 09 kam sie eine Woche ins Krankenhaus, da sie jegliche Nahrungsaufnahme verweigerte. Hier wurde sie wieder hochgepeppelt und kam wieder nach Hause, mit dem Anliegen, sie in ein Pflegeheim zu bringen! Mein Opa weigerte sich strikt dagegen; er wollte sie bis zur letzten Minute pflegen. Die erste Juli-Woche 09 wurde sie wegen erneuter Nahrungsverweigerung wieder ins Krankenhaus eingeliefert. Man überwies sie direkt ins Pflegeheim. Hier kam sie freitags an. Der Großteil meiner Familie besuchte sie am Sonntag und so waren wir am Sonntag bei ihr. Es brach mir das Herz, eine einst so starke Frau regungslos im Bett liegen zu sehen, wie sie vor sich hin starrt. Ich nahm sie in den Arm, sie erkannte mich und fragte sogar nach meinem Mann. Nach 2 Stunden fuhren wir nach Hause. Ich versprach, am Dienstag zu kommen! Am Montagmorgen besuchte mein Onkel sie. Er fütterte sie und verabschiedete sich von ihr bis zum nächsten Tag!

Am nächsten Tag sollte mein letzter Arbeitstag in dem Kiga sein, in dem ich arbeite. Um 15 Uhr holte mich meine Mutter mit Onkel usw. ab und sagte mir, dass meine Oma nach dem Mittagessen eingeschlafen sei....! Ich Konnte es nicht glauben, meine Oma, die mit einer Stärke eines Orkans durch das Leben zog, die immer alles für mich getan hat, bei der ich groß wurde und bei der ich mit meinem Opa die schönsten Stunden meines Lebens verbrachte, die immer sagte: "Kopf hoch - irgendwie geht das Leben weiter!", die immer ein Ohr für mich hatte und mir bei allem geholfen hat, ist nicht mehr da!

Uns allen war mit Verlauf der Krankheit bewusst geworden, dass es bald ein Ende nimmt, aber dass es dann so schnell geht, damit hat keiner gerechnet! Ich möchte allen anderen Angehörigen Mut machen, den Weg mit dem erkrankten Patienten solange wie möglich zu gehen und wenigstens zu versuchen, zu verstehen, was in diesen Menschen vorgeht, auch wenn man es kaum kann!
Jeder, der in dieser Situation steckt, hat schwer damit zu kämpfen und weiss, dass es irgendwann ein unschönes Ende nimmt. Erinnert Euch immer wieder an die schönen Stunden und denkt bitte daran: Es ist eine Krankheit, die Person kann nichts dafür, auch wenn es manchmal so scheint, als wäre etwas extra!

Ich wünsche allen Kraft und Mut, diesen Weg zu gehen, gebt Euch nicht auf!

Meiner Oma möchte ich noch einmal für alles danken!

Autor: C. B.

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Stand: 19-Nov-2017, 11:27 AM
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