Pflegende Angehörige fühlen sich oft im Stich gelassen – alzheimerinfo.de

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Das Thema Demenz ist im öffentlichen Bewusstsein angekommen: Darüber gibt es für Rita Rohwedder keinen Zweifel. Die Geschäftsführerin der Pflegeberatungsstelle Pinneberg wird fast täglich mit Problemen von Menschen konfrontiert, die nicht mehr weiter wissen: Sie haben einen demenzkranken Angehörigen, dessen Betreuung zu Hause sie völlig überfordert.

“Die Anfragen in Zusammenhang mit Demenz werden immer noch von Jahr zu Jahr mehr”, sagt Rohwedder. Sie hilft zusammen mit ihrer Mitarbeiterin bei rund 1500 Anfragen im Jahr, die Mehrheit davon betrifft Alzheimer-Patienten. Wo finde ich ein Pflegeheim, wie lange hat man mit Alzheimer noch zu leben, wie erstelle ich eine Patientenverfügung – Fragen, die täglich in der Beratungsstelle gestellt werden.

Das zunehmende Interesse bewertet die gelernte Krankenschwester mit gemischten Gefühlen. Positiv ist aus ihrer Sicht, dass die Zeiten, in denen Alzheimer ein Tabuthema war, vorbei sind. Als Rohwedder vor zehn Jahren die ehrenamtliche Alzheimer-Initiative am Ort gründete, schlug ihr Ignoranz und offene Ablehnung entgegen. “Alzheimer – was ist das? So etwas brauchen wir hier nicht”, lauteten Reaktionen damals. Diese Zeiten sind vorbei – der Bedarf nach Hilfe aber ist ungebrochen. Nicht immer kommt von offizieller Seite die Unterstützung, wie sie Patienten und Angehörige erwarten dürfen. An negativen Beispielen mangelt es Rita Rohwedder nicht:

  • Ein Demenzpatient, unheilbar an Krebs erkrankt und aus dem Krankenhaus für seine letzten Lebenstage nach Hause entlassen, kann nicht länger von seiner berufstätigen Frau gepflegt werden. Eine Kostenübernahme für ein Hospiz wird vom Medizinischen Dienst verweigert, weil der Mann demenzkrank ist. Die mündliche Begründung: “Der Mann merkt sowieso nicht, was passiert.” Die Beratungsstelle bittet deshalb den einweisenden Arzt, das Wort Demenz aus der Einweisung zu streichen, was dieser ablehnt. Erst die Urlaubsvertretung ändert die Einweisung, was dem Mann die letzten Tage seines Lebens in einem Hospiz ermöglicht. Unabhängig vom Hin und Her um den Kranken regt sich Rohwedder über ein verbreitetes Vorurteil über Demenzkranke auf: “Sie merken, was um sie herum passiert und ob sich jemand Zeit nimmt. Die Begründung des MDK ist unhaltbar.”
  • Als sich die Demenz eines 81-jährigen rapide verschlimmert, stellt die pflegende Ehefrau beim Amt für soziale Dienste einen Antrag auf Schwerbehinderung für ihren Mann. Damit hätte sie zugleich dessen Hilflosigkeit nachgewiesen und als Angehörige kostenlos zur Betreuung mitfahren können. Das Amt verweigert die Anerkennung nach Aktenlage. Rohwedder hat Widerspruch eingelegt – trotz des scheinbar geringen Vorteils des Ehepaars durch den Ausweis. “Demenzkranke kommen erst sehr spät in die Pflegestufe, deshalb kommt es auf jeden Euro an, auch wenn es nur ein eingesparter Fahrschein ist”, sagt Rohwedder.
  • Eine demenzkranke, allein stehende Frau mit Pflegestufe zwei wird von einem Pflegedienst vier Mal täglich besucht. Die monatliche Rechnung beläuft sich auf 3000 Euro. Auf der Rechnung tauchen nur die Ziffern für Leistungskomplexe auf. Als sich die Angehörigen bei der Beratung die Rechnung erklären lassen, fallen sie aus allen Wolken: Nur 40 Prozent sind nach ihrer Beobachtung gerechtfertigt. Zwei der Tricks: Das Honorar für die Essenszubereitung wird angesetzt, obwohl man nur warme Milch über das Müsli schüttet. Das Honorar für soziale Betreuung wird für eine zusätzliche Stunde erhoben, nur weil man während der Arbeit mit der Betreuten spricht.

Für Rita Rohwedder sind solche Fälle keine Ausnahmen. Manches ließe sich verhindern. “Ärzte verweisen nur selten auf unsere Beratungsstelle, obwohl wir immer wieder in den Praxen auf uns aufmerksam gemacht haben”, sagt sie. Nicht einmal ein Zehntel der niedergelassenen Hausärzte und Neurologen im Kreis weist nach ihrer Beobachtung auf die Beratungsstelle hin.

Quelle: Ärztezeitung 25.01.2007

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